Ich dachte lange, ich sei eine Spätzüderin.
Denn ich habe für vieles in meinem Leben lange gebraucht oder spät damit begonnen.
Ich habe spät sprechen gelernt,
spät Abi gemacht,
spät den ersten Freund gehabt,
lange studiert,
spät geheiratet,
aber auch spät meine Berufung gefunden.
Vielleicht werde ich spät alt
oder gehe spät aus dem Leben.
Oder darf mir Zeit nehmen, Dinge auszuprobieren,
mein letztes Lebensdrittel genießen und mich gerade jetzt entfalten.
Was sagt man den Spätzündern nach?
„Ach, du bist aber auch manchmal ein Spätzünder!“
Diesen Satz habe ich im Laufe meines Lebens, so oder ähnlich, immer wieder gehört. Oft begleitet von einem leicht spöttischen Lächeln.
Spät zu sein scheint etwas zu sein, das man lieber nicht ist. Wer schnell lernt, rasch Entscheidungen trifft und früh erfolgreich ist, bekommt in unserer Gesellschaft mehr Zustimmung.
Solche Bemerkungen gingen nicht spurlos an mir vorbei. Und ich kenne auch das Gefühl, mich dafür zu schämen, dass ich für vieles einfach länger brauche. Und ich fragte mich, woran es liegt.
Wer sich als Spätzünder empfindet, zweifelt öfter an sich.
Was bedeutete es für mich, eine Spätzünderin zu sein?
Ich wollte nicht zu den Langsamen gehören.
Und doch brauchte ich für vieles einfach mehr Zeit. Besonders, wenn es um wichtige Entscheidungen ging. Es war mir peinlich, in vielen Dingen spät dran zu sein. Deshalb sprach ich kaum darüber.
Auch mein Architekturstudium dauerte lange. Ich entwarf meine Projekte mit großer Hingabe und verlor mich oft in den Details. Gleichzeitig musste ich viel arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Von außen sah man vermutlich nur die lange Studiendauer. Die inneren Beweggründe, Zweifel und Sehnsüchte blieben unsichtbar.
Mit 50 Jahren fühlte ich mich beruflich in einer Sackgasse im öffentlichen Dienst. Aber konnte man in diesem Alter das Steuer überhaupt noch herumreißen? Ich glaubte, für einen Neuanfang sei ich zu spät dran. Ich zweifelte daran, ob das möglich sei und ob ich es mir erlauben dürfte.
Über Jahre gestaltete ich meinen beruflichen Wechsel in einer Kontemplationsgruppe. Als ich mich schließlich von meinen Kolleginnen und Kollegen verabschiedete, schrieb ich ihnen eine E-Mail und schloss sie mit dem Zitat:
„Schiffe sind im Hafen sicher. Aber dafür werden Schiffe nicht gebaut.“
Dieser Satz berührte viele von ihnen. Am Ende entstanden noch einige richtig tiefe Gespräche.
Heute denke ich: Es kommt nicht darauf an, wann wir ablegen. Entscheidend ist, dass wir irgendwann den Mut finden, die Leinen zu lösen.
Was führte zum Umdenken?
Vielleicht war es keine einzelne Erkenntnis, die mich zu einer anderen Haltung führte. Mit über 50 erkannte ich erst, dass ich zu den Hochsensiblen zähle. Ich nehme viel wahr. Vieles möchte von mir bedacht und abgewogen werden.
Ich habe sehr viele Interessen und Hobbys, weshalb ich mich oft nicht auf eine Sache beschränke.
Ich verfolgte gleichzeitig mehrere Stränge in meinem Leben. Meine Neugier führte mich immer wieder auf kleine Umwege, um neue Erfahrungen einzusammeln.
Die Unzufriedenheit im öffentlichen Dienst brachte mich zur Gesprächstherapie, zu Selbsterfahrungsgruppen, zu Hypnose und Meditation und letzten Endes zu meiner neuen Berufung und einer neuen Haltung. Ich beschäftigte mich intensiv mit Psychologie und Menschenbild.
Ich erkannte, dass wir alle anders sind von unseren Anlagen her und daher unterschiedlich lange für bestimmte Entwicklungsschritte benötigen. Und das sollte bitte nicht beurteilt werden.
Als Jugendliche wusste ich bereits, dass ich meine Hauptblüte in meiner zweiten Lebenshälfte erleben werde.
Später sagte ich oft scherzhaft:
Besser eine Spätzünderin als gar keine Zündung!
Mein Blick heute.
Vielleicht geht es im Leben gar nicht darum, möglichst früh irgendwo anzukommen. Vielleicht geht es darum, sich mit der eigenen Zeit anzufreunden.
Manches braucht seine Zeit. Und manchmal verstehen wir erst im Rückblick, warum unser Weg genau so verlaufen ist.
Freue dich über die Erfahrungen auf deinem ganz eigenen Weg, denn niemand wird ihn genauso gehen wie du.
Und wenn du einmal denken solltest „Dafür ist es jetzt zu spät!“, dann halte kurz inne und frage dich, ob es wirklich stimmt.
Heute denke ich nicht mehr, dass ich eine Spätzünderin bin. Ich glaube, ich brauchte einfach meine eigene Zeit.
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